Der Zauber des Geschenks
Warum mögen es Erwachsene so gerne, Kindern an Weihnachten eine Freude zu machen? Die Spannung bis zur Bescherung allmählich steigen zu lassen? Was macht den Zauber dieses Moments aus?
Wohl ist es dieses Staunen, das wir von den Kindern erhoffen, dieser Moment des spontanen Entzückens im Angesicht der Geschenke, die da unterm geschmückten Weihnachtsbaum liegen. Wie aufregend doch das Nicht-Wissen ist und der Moment der Überraschung, was sich wohl in der schön verpackten Schachtel verbergen mag. Auch wenn es einen Wunschzettel gab, so bleibt doch ein Rest Ungewissheit.
Schenken macht Freude, auch zwischen Erwachsenen. Vielleicht nicht so sehr an Weihnachten, wo es doch in Stress ausarten kann, seine Liebsten mit Außergewöhnlichkeiten zu beglücken. Ein Geschenk verliert seinen Zauber in dem Moment, in dem es zur Erwartung wird.
Wirklich Freude machen Geschenke, wenn sie überraschend, quasi aus dem Nichts gemacht (oder bekommen) werden. Denn da staunen wir, sind wir ehrlich überrascht, vielleicht sogar überwältigt, berührt. Jedenfalls nicht so kontrolliert und cool, wie in den allermeisten alltäglichen Angelegenheiten.
Unverfügbarkeit: Das Geschenk des Lebens
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt diesen Zauber in seinem Buch “Unverfügbarkeit”. Ausgehend davon, dass wir versuchen, die Welt immer weiter verfügbar zu machen – planbar, kontrollierbar, messbar, optimierbar. Damit haben wir die Welt entzaubert. Echte Lebendigkeit, Resonanz und gelingende Beziehungen entstehen dort, wo die Welt unverfügbar bleibt. Das heißt: Das, was uns wirklich berührt, überrascht, verwandelt oder Sinn gibt, entzieht sich unserer Kontrolle.
Kinder haben uns dies noch voraus. Bei ihnen entzieht sich vieles noch der Kontrolle, vieles scheint übermächtig, unerklärlich, magisch. Sie stehen nicht über der Welt, sondern in ihr. Von diesem Zauber möchten wir gerne etwas zurück, wenn wir an Weihnachten in Ihre leuchtenden Augen schauen.
Wieder staunen lernen
Können wir als “vernünftige” Erwachsene lernen, wieder zu mehr staunen? Lernen zu “werde(n) wie die Kinder” (Matthäus 18,3)?
Staunen bedeutet zunächst: Hier geschieht etwas, das größer ist als ich – und ich lasse mich darauf ein. Es können auch scheinbar kleine Dinge sein, ein Ausdruck des Lebens selbst, die uns innehalten und staunen lassen. Und sei es auch “nur” eine Stubenfliege, die dasitzt, sich die Flügel putzt, die bunt schimmernd in der Sonne leuchten. Oder das Rauschen des Windes… “Vor lauter Lauschen und Staunen sei still…” schreibt Rainer Maria Rilke.
Vielleicht gibt es da draußen viel mehr zu entdecken und zu bestaunen, als wir uns vorstellen. Kinder erlauben der Welt, auf sie zu wirken. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Resonanz entsteht. Wenn wir weniger darauf bedacht sind, alles abzusichern, zu kontrollieren, zu beherrschen.
Wenn wir dem Leben wieder mit Vertrauen begegnen, das Geheimnisvolle aushalten, offen und empfänglich sind für das, was zu uns kommt, Mut zum Nicht-Wissen haben. Uns vom Leben beschenken lassen. Das ist eine Haltung, die wir einnehmen können. Die Weihnachtszeit lädt uns dazu ein.
Literatur: Hartmut Rosa Unverfügbarkeit, Suhrkamp 2018
Andreas Fiedler, leitender Redakteur und Autor der Potsdamer Impulse
Bild zur Meldung: Екатерина auf Pixabay