Zum Jahreswechsel - dem Neuen zuhören.
Vor ein paar Jahren habe ich zum Jahreswechsel zwei neue Routinen etabliert: Zum einen nehme ich in der Regel an einem mehrtägigen Silvester-Retreat teil, zum anderen habe ich einen Fragenkatalog entwickelt, um das vergangene Jahr zu würdigen und mich auf bestimmte Qualitäten und Handlungen in der nahen Zukunft auszurichten.
Beides entstand aus dem Bedürfnis heraus, einen bewussten Übergang und Neustart zu gestalten – ein mehr aktiv-schöpferisches und weniger passiv-reaktives Erleben dieser Zeit.
Die zentrale Frage dabei ist für mich: Wie erkenne und erfühle ich, was im neuen Jahr für mich wichtig sein wird? Welche Leitplanken geben mir Orientierung im Sturm der Ereignisse, in der Flut von Informationen und Angeboten?
Bei den meisten dieser Retreats gibt es Raum für gemeinsame Reflexion: den Austausch mit der Gruppe oder einzelnen Menschen über Herausforderungen und Highlights des vergangenen Jahres, über wesentliche Beziehungen und prägende Erfahrungen. Ergänzt wird dies durch andere Aktivitäten wie Musik, Tanz, Yoga, Meditation oder Breathwork.
Eine immer wichtigere Ressource ist für mich dabei die Natur – genauer gesagt das, was (oder wer) mir in der Natur begegnet. Es muss kein expliziter „Naturgang“ sein, also kein intensiv vorbereiteter, rituell gerahmter Aufenthalt, wie er etwa in schamanischen oder naturpädagogischen Kontexten praktiziert wird. Manchmal genügt ein gewöhnlicher Spaziergang, der zu einer spontanen Begegnung führt.
Die Botschaften der Natur
So wie mit jenem Buntspecht, der mir unlängst zur Wintersonnenwende begegnete – abseits meiner üblichen Wege. Schon allein dadurch war dieses kurze „Treffen“ außergewöhnlich. Für mich hatte es Symbolcharakter.
Symbolcharakter bedeutet für mich, zu ergründen, wofür ein solches Wesen oder Bild steht und was davon mit mir in Resonanz geht.
Im Fall des Spechts etwa: Rhythmus und Beharrlichkeit. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Kleine, wiederkehrende Schritte statt großer Kraftakte. Nur dort in die Tiefe gehen, wo Resonanz ist.
Zwei Jahre zuvor, bei einem Silvester-Retreat in Österreich, bin ich bei einem intensiveren Naturgang auf einen Baum gestoßen, dessen Stamm stark strukturiert war – fast wie ein aufsteigender Fluss. In ihm erkannte ich ein kraftvolles Symbol für Aufrichtung, Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit, für das Streben nach Höherem und einen klaren Weg.
Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen. (Rainer Maria Rilke, Über die Geduld)
Damit sich durch solche Entdeckungen tatsächlich ein Weg eröffnet, braucht es Resonanz. Etwas in mir kommt in Bewegung, ein Gefühl von Übereinstimmung entsteht. Es können natürliche Symbole sein, die etwas zum Schwingen bringen – oder Musik, Liedtexte, ein Gedicht. Manchmal wird auch deutlich, dass ein alter Glaubenssatz sich endgültig überholt hat.
„Der Geist, der stets verneint“ (Faust) – vielleicht hat er nun ausgedient. Stattdessen: Ich bin (gut) genug. Es ist genug (getan). Was sich dann einstellt, ist Befreiung. Und Leichtigkeit.
Eine subtile Form der Orientierung
Der Jahreswechsel wird für mich so zu einem Resonanzraum: kein Basteln an “guten Vorsätzen”, mehr ein Lauschen auf das, was sich zeigen will. Natur, Begegnungen und innere Bilder werden zu Spiegeln, die Orientierung geben – nicht als fertige Antworten, sondern als Hinweise auf eine stimmige Richtung.
Neue Wege entstehen dabei nicht aus Druck oder Selbst-Optimierung, sondern aus Aufmerksamkeit, Übereinstimmung und der Bereitschaft, dem Wesentlichen Raum zu geben. Alles Gute für 2026!
Bild zur Meldung: Mark Weinmeister auf Pixabay