Ich lerne nie aus
Es ist sieben Uhr. Nicht meine Zeit. Es ist Samstag und seit fünf Uhr dreißig liege ich wach. Nicht meine Zeit. Aber mein Tag!
Heute haben wir „Abschlussprüfung“ unserer Speaker-Ausbildung, öffentlich, blank und so quasi nackig vor überwiegend unbekanntem Publikum. Keynote – ein neues Metier. Ohne die schützende Hülle meines kleinen Praxisraums oder meines Büros zuhause. Ohne die Sicherheit des gewohnten Terrains meiner Beratungen oder der erdachten Buchstaben auf dem Laptop.
Die Worte sollten sitzen. Punktgenau. Getaktet mit der Präsentation hinter mir. Vergessen wird sofort bestraft. Nicht vom Publikum, sondern von mir und meinem Anspruch. Ein treuer, geradezu aufdringlicher Zeitgenosse, der mir als hochfrequenten Menschen stets im Gepäck folgt. Wie werde ich ihn heute Abend bändigen können?
Ich bin mega aufgeregt. Die letzten Tage waren ein Bad der Gefühle, von Verzweiflung bis Freude, von Aufraffen und Erschöpfung. Vorträge zu halten ist nicht wirklich neu für mich, aber bislang waren es Fachvorträge. Mit genügend Zeit, genüßlich ins Thema einzutauchen, Fragen zu integrieren, inhaltliche Schlenker zu wagen und mit der gewohnt schützenden Fassade des Inhaltes um mich herum. Nicht ich stehe dort im Mittelpunkt, sondern das Thema.
Ja, jeder neue Vortrag ist aufregend und braucht ein paar Runden, bis er sitzt, bis ich im Thema, bis ich der gewundenen und geraden Pfaden von Gedanken und Formulierungen sicher bin.
Aber ich liebe es, Wissen weiterzugeben, andere Menschen zu inspirieren und so hie und da einen Samen des Wachstums pflanzen zu dürfen.
Die Kleiderfrage ist noch offen. Welche Hose, welche Bluse, welcher Blaser darf’s denn sein? Bei manchen Dingen des Lebens fallen mir Entscheidungen nicht schwer. Da bin ich eher pragmatisch, und wenn es nicht um mein eignes Leben geht, ist der Blick sowieso meist klarer. Es ist, wie aus dem Fenster zu schauen: dort kann ich alles wunderbar erkennen. Aber beim Blick nach innen darf ich, wie alle anderen auch, lernen, das Licht anzuknipsen. Erleuchtung. Na ja, vielleicht noch nicht ganz, aber zumindest auf dem Weg dorthin – oder wohin auch immer auf der Leiter eines sich erweiternden Bewusstseins.
Ich gehe auf die Bühne, die Scheinwerfer blenden, im Publikum erblicke ich schemenhaft neugierige, zurückhaltende und liebevolle Blicke. Gut zu wissen, dass einige Freunde und auch Klienten mich mit ihrer Anwesenheit und ihrem Vertrauen zu mir stärken.
Meine Karten halte ich in meinen unruhigen Händen, mich erinnernd, dass ich auf der Bühne bitte nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn hin und her rennen soll. Ich hole tief Luft, schließe für einen kurzen Moment die Augen. Und atme langsam wieder aus. Guten Abend liebes Publikum.
Ein neuer Lebensabschnitt beginnt.
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