Meine Work-Live-Love-Sing-Dance-Play-Balance - funktionieren und leben im Alltag
Mein Vater arbeitete über 40 Jahre in derselben Firma. Morgens um sieben aus dem Haus, mit der S-Bahn ins Büro, um 19 Uhr war er zurück zum Abendessen. Im Herbst brachte er mir immer Kastanien von der Bahnhofsallee mit. Sein Alltag war fordernd und durchgetaktet — und er hat ihn gelebt, ohne zu hadern. Verlässlichkeit und Kontinuität war seine authentische Lebensform und sein Beitrag.
Inzwischen gibt es diese Welt der 60er, 70er und 80er so kaum noch. An die Stelle stetigen Schaffens sind Fragmentierung, Selbstoptimierung und der permanente Druck getreten, die gewonnene Freiheit auch richtig zu nutzen. Work-Life-Balance klingt nach einer Lösung — ist aber eher Teil des Problems. Als ob Arbeit und Leben zwei getrennte Konten wären, die man ausgleichen muss.
Die andere Frage
Ich habe früh gemerkt, dass mich die Logik eines materialistischen, ergebnisgetriebenen Funktionierens nicht trägt. Was mich leitet, ist eine andere Frage: Wie lebe ich selbstbestimmt mit Sinn - für mich, für die Menschen um mich herum, für das größere Ganze, den Planeten Erde? Wie bin ich Teil der Lösung anstatt des Problems. Wie kann ein „richtiges Leben im Falschen“ (Adorno) gelingen?
So habe ich mich früh mit erkenntnisfördernden Ansätzen beschäftigt, u.a. mit der taoistischen Tradition Wu Wei: Handeln im Einklang mit dem, was ist - nicht alles kontrollieren müssen, sondern Dinge auch entstehen, auf mich zukommen lassen. Tun durch Nicht-Tun. Oder dem griechischen „Kairos“, der günstige Moment, in dem es zu handeln gilt. Im Gegensatz zum Chronos, dem gleichförmigen Takt der Uhr und des Kalenders folgend.
Sinn und Erfolg entsteht durch mehr Präsenz und durch Resonanz mit dem, was das Leben mir anbietet und mit dem, was es von mir fordert.
Konkret: Ich arbeite konzentriert und effizient, je nach Auftragslage etwa 10–15 Stunden pro Woche im Coaching, dazu 2-3 Stunden schreibend in Buch- und Blogprojekten. Ein tägliches 30 min. Workout, Spaziergang im Park, bin mit meiner Familie, Freunden und in diesem Netzwerk. Einmal wöchentlich im Circle-Singing-Chor, Feldenkraiskurs, gelegentlich ein Schauspielkurs und Tango-Unterricht. Dazu kommen weitere Seminare und Retreats, ein-, zweimal im Jahr. Ich nenne es neuerdings meine „Work-Live-Love-Sing-Dance-Play-Balance“. Was einige der Aktivitäten verbindet: Sie sind nicht unmittelbar auf ein verwertbares Ergebnis ausgerichtet. Sondern entsprechen meinem Bedürfnis nach Lebendigkeit und meinem Verständnis von Lebensqualität. Und sind Ausdruck meiner Selbstfürsorge. Sie bereiten den fruchtbaren Boden, auf dem meine Arbeit als Coach und Autor wächst.
Der Boden, den er bereitet hat
Mein Vater hätte den Begriff Work-Life-Balance nie benutzt. Seine Arbeit war Ausdruck seines Bedürfnisses nach Wirksamkeit und materiellem Erfolg, um Sicherheit für seine Familie zu schaffen. Für dieses Funktionieren hat er einen gesundheitlichen Preis bezahlt. Was ihm fehlte, war der Fokus auf sein ganz eigenes, persönliches Wohlergehen. Als sein Sohn darf ich auf dem Boden aufbauen, den er bereitet hat. Der Alltag ist für mich das Feld, auf dem sich zeigt, ob das Funktionieren dem Leben dient - oder umgekehrt.
Bild zur Meldung: Mohd Zuber Saifi auf Pixabay