Der gute Sohn – Agieren in der Krise

Das Leben ist ein ruhiger langer Fluss - solange, bis die Dinge sich plötzlich zuspitzen. Der Anruf meiner Mutter: „Kannst du bitte bald kommen, ich schaffe es nicht mehr." Sie schafft es nicht mehr, meinen Vater allein zu pflegen. Ihren Ehemann, mit dem sie sechs Jahrzehnte lebt und der seit einiger Zeit an Parkinson und Demenz erkrankt ist. 24/7 an seiner Seite. Nun kommen aggressive Schübe, ein Kampf gegen Dämonen und die Desorientierung - Halluzinationen, Folge einer übermäßigen Medikation mit ihren zahllosen Wechselwirkungen. In diesem Stadium nicht ungewöhnlich, für eine ältere Frau, gegen die ihr Mann die Hand erhebt, jedoch eine schwere Belastung.

Krisenmodus

Guter Rat ist jetzt buchstäblich teuer. Wie Hilfe organisieren, wie schnellstmöglich die Situation entschärfen? Nicht, dass man sich keine Gedanken gemacht hätte, wie es wird, wenn... Aber solange es auch so geht, die gewohnten Abläufe einigermaßen aufrecht erhalten werden können, gibt es keinen Handlungsdruck und damit auch keine unmittelbar greifbaren Lösungen. Von jetzt auf gleich eine geeignete Person zu engagieren, die rund um die Uhr verfügbar ist: unmöglich. Ich muss hoffen, dass die Kapazitäten meiner Mutter noch nicht ganz erschöpft sind, dass sie noch ein paar Tage durchhält. 

Rollenklärung

So reise ich nun die rd. 600 Kilometer an, werfe meine Pläne über den Haufen und bleibe ein paar Tage im Elternhaus. Erste Hilfe. Beistand. Als einziger Sohn und nahestehender Angehöriger hat man da nicht wirklich eine Wahl. „Willst du nicht wieder hier einziehen? Das wäre doch das Beste." Fragt Mutter. „Nein, das möchte ich nicht. Ich werde mein Leben nicht aufgeben." Antworte ich. 

Als Pflegehelfer bin ich nicht geeignet und auch nicht bereit. Vielmehr werde ich das tun, worin ich gut bin: recherchieren, Kontakte knüpfen, Lösungen organisieren - das, wozu meine Mutter gerade nicht in der Lage ist. Damit klärt sich die Rolle, die ich einzunehmen bereit bin. 

 

Aber wo anfangen? Im Bereich der Pflege gibt es diverse Modelle und Akteure - mehr oder weniger legal, kostspielig, vertrauenswürdig. Scheinbar günstige osteuropäische Anbieter, freie Pflegekräfte aus der Region für überzogene Honorare, eine Unzahl von Agenturen und Diensten. Diesen Dschungel muss ich durchforsten, ehe ich eine tragfähige Lösung anbieten kann.

 

In der Not schalte ich eine Kleinanzeige - um auch diese Möglichkeit nach unzähligen Telefonaten auszuschöpfen. Ich formuliere, was gebraucht wird, mit einem sympathischen Foto meiner Eltern. Meine Haltung: Ich tue alles, was ich jetzt tun kann - und vertraue darauf, dass sich etwas ergibt.

Nachhaltige Lösung

Der Anruf eines regionalen Pflegedienstes, der auf die Anzeige reagiert, ist die Wendung. Endlich wieder Boden unter den Füßen. Der Dienst übernimmt das gesamte Handling mit den Pflegekräften und die Abrechnung über die Pflegekasse. Er schickt eine empathische Disponentin, die sich ein Bild von der Situation vor Ort macht - und zügig eine Pflegekraft ins Haus bringt. Es funktioniert. Nicht immer reibungslos, aber gut genug, dass ich ein Stück loslassen kann. Gut genug, dass meine Mutter wieder atmen und der Fluss des Lebens ruhiger werden kann.

 

Andreas Fiedler

 

 

 

Bild zur Meldung: © Marco J Haenssgen auf Unsplash