Neue Blickwinkel
Woher nehmen wir die Inspiration, über das Gegebene hinauszuschauen? Wie kommen wir auf neue Gedanken, wie gelingt es, das eigene Leben aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten? Zum Jahresanfang stellt sich diese Frage mit besonderer Intensität. Bildende Kunst vermag neue Perspektiven zu eröffnen - wenn wir uns einer Form besonders aufmerksam zuwenden. So wie dieser Skulptur einer Nereide am Hippodrom im Park Sanssouci.
Die Figur in Bewegung
Sie ist eine stolze, kraftvoll-elegante Erscheinung. Seitlich sitzt sie auf zwei Pferderücken, die sich unter ihr in sich windende Drachenschwänze verwandeln. Im Augenblick stürmischer Bewegung ruht sie sichtbar in ihrem Körper. Ihr offenes Haar fließt über den Rücken, ein vom Wind gebauschtes Tuch umspielt Schulter, Hüfte und die leicht angewinkelten Beine.
Ihr Blick ist nach vorn gerichtet, genau zwischen die Köpfe der beiden galoppierenden Pferde, deren Bewegungsrichtungen auseinanderstreben. Klar und ruhig scheint dieser Blick eine gemeinsame Richtung zu halten – und wirkt zugleich nach innen gewandt. So lässt sie sich tragen, verschmolzen mit den wilden Gestalten unter ihr. Oder hebt sich hier die Frage auf, wer führt und wer folgt?
Je nach Blickwinkel zeigt die kleine Bronzefigur unterschiedliche Details: mal ist da ein einzelner Pferdehals, mal sind es zwei. Mal erscheint ein kräftiger Schlangenkörper, mal ein gespalten wirkender Drachenschwanz mit kleinen Flossen.
Ein Pferd scheint zu scheuen, das andere drängt im aufsteigenden Galopp voran. Umkreist man die Figur weiter, wird deutlich: Alles ist zugleich sichtbar, vereint in einer Bewegung, die Ruhe und kraftvolle Dynamik nicht trennt, sondern verbindet.
Ergreifend wirkt das scheinbar mühelose Zügeln dieses Voranpreschens in verschiedene Richtungen. Es eröffnet sich ein Möglichkeitsraum unterschiedlicher Perspektiven. Nicht entweder Pferd oder Drache durchqueren die See der Zeit, sondern beides zugleich – je nachdem, von wo aus man blickt. Der klare Blick der Reiterin nach vorn erweist sich dabei zugleich als ein Lauschen nach innen, in dem Führen und Geführtwerden, Wollen und Lassen eine Verbindung eingehen.
Perspektive als Möglichkeitsraum
Perspektive (lat. perspicere) bedeutet ursprünglich, durchzublicken, deutlich wahrzunehmen. Erst seit dem 20. Jahrhundert wurde damit auch die Idee von Entwicklungsmöglichkeiten verbunden. Für das Erleben von Sinn und persönlicher Freiheit brauchen wir zumindest eine Perspektive im Leben. Im Plural eröffnen sie Wahlmöglichkeiten: zu entscheiden, was uns guttut, was wichtig ist – für uns selbst und für das Umfeld, in dem wir leben. Wo Perspektiven fehlen, drohen Stillstand, Ratlosigkeit und innere Verengung.
In der so vielfältig bewegten und zugleich in sich ruhenden Drachenreiterin lese ich eine Bestärkung zum Neubeginn: den eigenen inneren Kräften zuzuhören, sie weder zu unterdrücken noch ungezügelt voranzutreiben. So wird Entwicklung möglich – ruhig vorausschauend und in lebendiger Veränderung.
Bild zur Meldung: KFM Wolf 2025