Tanz im Pelerinho
Ich blicke aus dem Fenster. Grau in grau. Außen. Und innen. Es ist Winter im Abgang – oder Abgesang? Ein grauer Winter. Die Sonne hatte sich seit Monaten rar gemacht, versteckt hinter Tonnen von Wolken. Ein Wunder, dass die nicht permanent vom Himmel heruntergefallen sind, so schwer, wie sie da oben hingen. Na ja, das mit der Gravitation müssen wir vielleicht doch nochmal überprüfen. Aber vielleicht haben sie sich auch nur gegenseitig gestützt, untergehakt, wie eine Kette entschlossener Demonstranten: Sonne? Du kommst hier nicht rein!
Ich blicke aus dem Fenster. Mein inneres Grau ödet mich an. Wo ist die Freude? Wo ist die Leichtigkeit des Seins? Dieses sensible Pärchen hat sich ganz offensichtlich eine Auszeit genommen. Hängt vermutlich irgendwo im Süden ab, dort wo keine Wolken Demo-Ketten bilden.
Ich war einmal in Brasilien, Salvador de Bahia. Im Pelerinho, der Altstadt und dem Ort innovativer Musik. Warum hängt das eigentlich so oft zusammen: neue und kreative Kunst und Armut? Ist der Geist zu träge, die Intuition zu schlapp, wenn der Magen satt und dem Körper wohlig ist?
Jedenfalls gab es damals auf dem kleinen Marktplatz jeden Sonntag Nachmittag ein kostenloses Happening für alle und jeden. Olodum, die dortige Hauscombo spielte mit ordentlich Drumpower und lautstarken Gesang durch klapprige Anlagen zum Tanz auf. Und es wurde getanzt! Sie kamen alle, Familien mit ihren Kindern, Freundescliquen, Alt und Jung, Groß und Klein, die Taschen voller Obst, Snacks und viel Flüssigem, denn es war heiß. Und es wurde noch viel heißer.
Auf dem schräg abfallenden Platz, dem völlig unebenen Kopfsteinpflaster wurde getanzt und gelacht, was das Zeug hielt. In Gummischlappen, in Schlabbershorts und leichten Kleidern wurde das Leben in seiner Freude und Schönheit gefeiert. Jetzt gab es nur gute Musik, den Tanz und die Freude miteinander.
Der Tanz: Einer tanzte vorne vor und in Reihen tanzen die anderen das Gezeigte mit. Ein bisschen wie Liondance, nur weicher und vielfältiger in den Bewegungen. Wenn der Vortänzer keine Lust mehr hatte, ging irgendjemand anderes nach vorne. Ich liebte diesen lockeren Gruppentanz.
Mit meiner Begleiterin stand ich etwas am Rand, bemüht, mir die Tanzschritte abzugucken. Ein Schritt vor, noch einer, eine seitliche Schwungwelle von unten durch den ganzen Körper, halbe Drehung … Ich verlor den Faden. Ein großer, schlaksiger Einheimischer lachte mich an, sein Gesicht purer Spaß. Mit Gesten gab er mir zu verstehen, dass ich es ihm nachmachen sollte. Ich machte es ihm nach und mit jeder Bewegung wurde mein Glücksgefühl größer. Ich schwebte mit den Einheimischen auf dieser Welle einfacher und zutiefst erfüllender Freude – in diesem Moment, der unauslöschlich in mir lebt, bis heute.
Ich blicke aus dem Fenster. Draußen ist es grau in grau. Aber in mir tanzt es, lacht und mein Grinsen kommt von Innen. Die Freude ist wieder da.
Bild zur Meldung: Cordula Roemer