Hauptsache Freude!
Schmetterlinge im Bauch, Leichtigkeit in den Gliedern, ein Schweben fast – man könnte hüpfen, springen, tanzen, schreien, die Welt umarmen, fremden Menschen ins Gesicht lachen: All dies kann Ausdruck von Freude sein. Die Palette der Empfindungen und Verhaltensweisen, die wir mit Freude verbinden, ist breit. Denn Freude hat viele Facetten.
Dem einen ist das aus dem Bauch aufsteigende Strömen vertraut, das sich bis zu einem in alle Richtungen drängenden Gefühl von explosiver Lust ausdehnen kann. Andere spüren ein erregendes Prickeln, das im Körper wandert oder von innen her kitzelt. Wiederum andere erleben die Freude wie ein langsam sich entfaltendes inneres Lächeln, das Bauch und Brust erwärmt. Welche Empfindungen kennst du aus deinem Körperinneren?
Diese Auflistung ließe sich endlos fortsetzen – so vielfältig sind die Erscheinungsformen dieses Gefühls, so unterschiedlich wie wir Menschen selbst. Doch bei aller Unterschiedlichkeit stellt sich eine entscheidende Frage: Ist Freude etwas, das uns einfach überkommt – oder etwas, das wir selbst mitgestalten?
Wie entsteht Freude?
Wie sich Freude bei jedem von uns zeigt, hängt stark von den Erfahrungen ab, die wir im Leben gemacht haben. Die US-amerikanische Psychologin Lisa Feldman Barrett beschreibt in ihrem Buch „Wie Gefühle entstehen“, dass uns Emotionen nicht einfach zustoßen. Es gibt kein fest verdrahtetes Gefühlsschema, das automatisch auf äußere Reize reagiert. Freude „machen“ wir selbst – auch wenn das zunächst kontraintuitiv klingt. Neuere Forschungen stellen die Annahme infrage, es gebe objektive biologische „Fingerabdrücke“ für einzelne Emotionen. Vielmehr berechnet unser Gehirn fortwährend auf Basis früherer Erfahrungen mögliche Bedeutungen und Handlungsoptionen.
Es sagt gewissermaßen voraus, was wir empfinden werden. Das heißt nicht, dass wir Gefühlen ausgeliefert sind. Im Gegenteil: Wir stellen sie mit her.
Freude ist gestaltbar
Für den bewussten Teil von uns bedeutet das, dass wir Maß und Qualität unserer Gefühle nicht nur einladen, sondern gestalten können. Auch wenn wir unsere Prägungen mitbringen: Wenn wir beginnen, sie wahrzunehmen und zu verändern, eröffnen sich Spielräume. Darf es also ein bisschen mehr Freude sein? Dann entscheide selbst, welche du kultivieren möchtest: die sanfte, warm einhüllende, langsam sich ausbreitende Freude; das jäh aufsteigende Prickeln; das leichte Hüpfen des Herzens; oder das schiere vor Freude Bersten.
Wie können wir Freude “kultivieren”? Zum Beispiel dadurch, dass wir…
– die Aufmerksamkeit bewusst auf das richten, was nährt, statt auf das, was fehlt,
– neue Erfahrungen suchen, die ungewohnte Empfindungen ermöglichen,
– dem Körper Raum geben, Freude wahrzunehmen und zu verstärken.
Es kann auch die Vorfreude auf etwas Kommendes sein oder das genussvoll nachschmeckende Vergnügen an intensiv Erlebtem – Spiel, Tanz, Musik, körperliche, kulinarische oder literarische Genüsse.
Hauptsache Freude!
Literaturtipp:
Feldman Barrett, Lisa, Wie Gefühle entstehen, Rowohlt 2023
Bild zur Meldung: Kevin Fitzgerald auf Unsplash