Zu erschöpft für Selbstfürsorge?

Kennen Sie das auch? Ewig der gleiche Trott: Die Woche über früh aufstehen, zur Arbeit fahren, dort den ganzen Tag lang funktionieren, abends kaputt aufs Sofa sinken - und fertig. Wer seine Kraft und Expertise in den Dienst einer Sache stellt, sei es für eine Firma, oder für den eigenen Betrieb, sei es, wie in meinem Fall, für die seelische Gesundheit von Menschen in Krisen, der weiß, wovon ich rede. Dann endlich Wochenende! Aufatmen, Ausschlafen, Selbstbestimmung, Rausgehen, Freund*innen treffen, Zeit für Familie, Kunst, Theater, Kino, Konzert. Tun, worauf man Lust hat, einfach genießen… Obwohl, der Haushalt  ist ja auch noch da! Also gilt es, Einkauf, Wäsche, Hausputz auch noch unterzubringen, wäre ja gelacht!

 

Nun - mit ein bisschen Abstand beschaut, wie wirkt dieses Szenario? Wie der ganz normale Wahnsinn? Natürlich! Die Frage ist nur, wie lange geht das gut? Reichen die zwei Tage am Ende einer dichten Arbeitswoche aus, um sich zu regenerieren? Oder rutscht das Gesundheitskonto auf diese Weise über die Monate und Jahre in ein gefährliches Minus? 

 

Wie lange geht das gut?

Wenn man da ins Zweifeln kommt, und sich fragt, was man ändern könnte, um so einem angespannten, tendenziell Kräfte raubenden Rhythmus zu entkommen, scheint es auf den ersten Blick nicht viel Handlungsspielraum zu geben. Spielt der Arbeitgeber mit, wenn man die Stunden reduzieren möchte? Handelt man sich damit evtl. nur weniger Einkommen und mehr unbezahlte Überstunden ein? Kann man sich als Selbständige*r leisten, weniger zu arbeiten? Wie könnte die Arbeit selbst strukturiert sein, damit sie nicht unweigerlich über die Jahre hinweg zur Erschöpfung führt? Wie darf, wie sollte Arbeit gestaltet sein, damit sie einem nicht alles an Kraft abverlangt, sondern auch etwas Wesentliches zurückgibt, was auch in ihr angelegt sein kann: Freude, motivierende Herausforderung, Sinn und Orientierung, Ausgleich zum Privatleben, Beitrag zur Gesellschaft, Zusammenhalt, soziales Miteinander. 

 

 

Kleine Schritte, große Wirkung

Lebst du, um zu arbeiten oder arbeitest du, um zu leben? Diese Frage stellen sich abhängig Beschäftigte genauso wie Selbständige. Oft fällt es Selbständigen noch schwerer, sich vom Arbeitsdruck zu lösen. Hängt doch rasch die ganze Existenz an einem Auftrag, dem Gelingen eines Projekts. Wie kommen wir also in eine Balance zwischen dem Erbringen von Leistung und dem Gewinn von Zufriedenheit und Sicherheit? 

 

Ein Kernelement dieses Kunststücks ist Struktur. Sie zeigt sich im Äußeren in Form von Klarheit und Aufgeräumtheit, wie auch im Inneren: im Umgang mit den Anforderungen des Alltags. Wie organisiere ich meine Zeit und meine Kräfte, so dass mir die Arbeit und der Alltag nicht über den Kopf wachsen. Prioritäten setzen, To-do-Listen anlegen sind da ganz praktische Ansätze. Kurz: Es braucht Selbstfürsorge.  Sie schützt die Gesundheit und baut Resilienz auf - gerade in Zeiten, wenn einem alles über den Kopf zu wachsen droht. 

 

Vielleicht hilft es, klein anzufangen. Nicht mit dem großen Umbau des Alltags, sondern mit einer einzigen Frage: Was hat mir heute gut getan? Ein Moment der Stille. Ein Spaziergang. Ein Gespräch, das trägt. Struktur und Prioritäten sind hilfreich – aber der erste Schritt ist oft schlicht: innehalten und wahrnehmen, was da ist. Was fehlt. Was nährt.


Selbstfürsorge lässt sich nicht erzwingen. Sie beginnt damit, in das eigene Innere zu horchen. Und dann der inneren Stimme zu folgen. 

 

Katja F.M. Wolf

 

Bild zur Meldung: Dan Azzopardi auf Unsplash