Ganzheitlich — was soll das eigentlich heißen?
„Ganzheitlich" ist ein Begriff, der recht inflationär benutzt wird — oft ohne zu definieren, was damit gemeint ist. Es schwingt etwas Prätentiöses darin: Man möchte sich abheben von konventionellen Methoden, denen eine eingeschränkte Sichtweise unterstellt wird. Schauen wir also genauer hin — und nähern uns einmal von der anderen Seite: Was ist das Gegenteil von ganzheitlich? Einzelne Teile. Mechanisch.
In der Medizin zum Beispiel einzelne Organe, einzelne Symptome, einzelne Wirkstoffe. Der Körper als Maschine, bei der defekte Teile repariert oder ausgetauscht werden. Dieses Bild hat einen Urheber: René Descartes. „Cogito, ergo sum - Ich denke, also bin ich“. Er trennte im 17. Jahrhundert Geist und Körper in zwei voneinander unabhängige Einheiten. Der Körper: ein Mechanismus. Der Geist: davon unabhängig. Eine Idee, die unser westliches Denken bis heute geprägt hat - in der Medizin, in der Bildung, in unserem Alltagsverständnis. Schon die Bilderbücher der Kleinsten erklären uns die „Dinge". Das ist ein Haus, ein Auto, eine Banane. Dinge werden hergestellt, benutzt, gehen kaputt - und werden weggeworfen. So wie unser Körper mit seinen „Funktionen". Beine, die uns von A nach B bringen, Hände die verschiedenste Tätigkeiten ausführen, ein Mund zur Nahrungsaufnahme und auf der anderen Seite die Abflussrohre... Wir merken schon, bei dieser reduzierten Beschreibung kann einem etwas mulmig werden.
Was Descartes nicht sah
Was ich erst neulich im Kinofilm („Siri Hustvedt – Dance around the Self“) erfahren habe und mich wirklich elektrisierte: Es gab eine Zeitgenossin, die dieser Idee vor 350 Jahren entschieden widersprach. Margaret Cavendish, Herzogin von Newcastle, veröffentlichte 1666 ihre Observations upon Experimental Philosophy und entwickelt darin ein System eines „organistischen Materialismus“ - und greift damit direkt das mechanistische Naturbild von Descartes und anderen an. Die Natur funktioniert nicht wie ein Uhrwerk, sie ist von innen heraus lebendig und in sich verwoben.
Wenn Descartes für den Logos steht - das ordnende, trennende Denken, dann steht Cavendish für den Eros - das verbindende, lebendige Wahrnehmen. Der Westen (bzw. das Patriarchat) hat das eine lange kultiviert und das andere unterschlagen. Cavendish wurde belächelt, vergessen, erst Jahrhunderte später wiederentdeckt.
In den 1960er Jahren formulierte ein bekannter Anthropologe, Biologe, Sozialwissenschaftler, Kybernetiker und Philosoph den Gedanken:
„There is no such thing as something"
Gregory Bateson
Es gibt keine isolierten Dinge, nur Beziehungen, Muster, Zusammenhänge (An Ecology of Mind, 2011). Was Cavendish über lebendige Materie sagte, wurde bei Bateson zur Erkenntnistheorie.
Albert Einstein hatte mit der Relativitätstheorie bereits gezeigt, dass Raum, Zeit und Materie keine getrennten Dinge sind, sondern ein permanent interagierendes Feld — dass es keinen absoluten Standpunkt gibt, nur Bezogenheit (Relativität).
Andreas Weber nennt es das erotische Prinzip des Lebens. Robin Wall Kimmerer zeigt es in Braiding Sweetgrass an Pflanzen - als Botanikerin und als Angehörige der Potawatomi, für die beides nie getrennt war. Die Materie ist nicht stumm.
Das Denken in Einzelteilen macht uns dagegen zunehmend Probleme - in Systemen wie in Beziehungen. Das merken wir an unserer Gesundheit, wenn wir bestimmte Aspekte unseres Wohlbefindens zu lange vernachlässigt haben. Oder in der Partnerschaft, wenn wir den anderen zu wenig beachten. Das merken wir an der Umwelt, wenn wir keine nachhaltige Ökonomie betreiben. Und an der Gesellschaft, wenn das Gemeinwohl zugunsten Einzelner leidet. Alles ist miteinander verbunden. Das ist eine Realität, der wir uns nur langsam öffnen - denn sie ist komplex, und unser Gehirn/ Verstand ist eher auf einfache Erklärungen aus. Das spart Energie. Komplexität ist seine Sache nicht.
Intuitiv ganzheitlich
Aber: Komplexität wird bereits erfahren. Schon immer. Intuitiv. Wir spüren, ob etwas stimmig ist, ob etwas dem Leben dient oder ob es ein Ungleichgewicht gibt. Und die Neurobiologie bestätigt: Der Körper ist kein passiver Mechanismus. Er speichert Erfahrungen, sendet Signale, reagiert auf Zusammenhänge, noch bevor der Verstand sie eingeordnet hat. Was wir Intuition nennen, ist eine wichtige Gegenkraft zur Vernunft, eine ältere, schnellere Form von Intelligenz.
Friedemann Schulz von Thun beschreibt das im Feld der Kommunikation: Wir reagieren weit stärker auf der Beziehungsebene als auf der Sachebene. Was jemand sagt, ist weniger bedeutsam als wie es gesagt wird - und wie wir uns dabei fühlen. Auch das ist Intuition - und Ganzheitlichkeit: Wir nehmen nicht nur einzelne Informationen auf, wir nehmen den ganzen Menschen und die Beziehung wahr.
Es wird Zeit, Logos und Eros wieder zusammenzubringen - Autoren wie Cavendish und Bateson mehr zuzuhören. Und vor allem uns selbst und unserem innewohnenden feinen Gespür für‘s Wesentliche: das Lebendige.
Quellen und Literaturhinweise:
Bateson, Gregory/ Bateson, Nora: „An Ecology of Mind.“ Dokumentarfilm, 2011.
Lidl, Sabine "Siri Hustvedt – Dance Around the Self",
Dokumentarfilm (D/ CH), 2026
Kimmerer, Robin Wall: Geflochtenes Süßgras. Die Weisheit der Pflanzen (Braiding Sweetgrass). Aufbau, 2023.
Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden, Rowohlt, 1981.
Weber, Andreas: Lebendigkeit. Eine erotische Ökologie. Kösel, 2014.
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