Komplexität — das Leben annehmen

Als vor Jahrzehnten bei meiner Mutter eine MS diagnostiziert wurde, las ich in einem Fachartikel über die psychischen Faktoren dieser Krankheit. Spätestens in diesem Moment wurde mir klar, dass Gesundheit niemals ausschließlich auf die körperliche Ebene reduziert werden kann, sondern ganzheitlich betrachtet werden muss. Ein Schritt auf meiner Lebensreise.

Parallelwelten 

In den 1990er Jahren begann ich zu meditieren und stellte bald fest, dass eine Praxis ohne körperliche Einbindung zu einer Vergeistigung mit wenig Bodenhaftung führen kann. Erfahrungen aus spirituellen Seminaren vertieften mein Erleben, doch bestanden die Ecken und Kanten meiner Persönlichkeit trotz täglicher Praxis fort. Spiritualität war zu dem Zeitpunkt eher eine Parallelwelt als eine integrierende Kraft im Alltag.

 

Mit Yoga kam eine neue Dimension hinzu: Ich gewann an Beweglichkeit und Energie. Dabei erlebte ich lichtvolle innere Zustände, die manche als Kundalini-Erfahrungen bezeichneten. Doch es gelang mir nicht, diese nachhaltig zu integrieren. Die Suche nach immer weiteren intensiven Erfahrungen gipfelte schließlich in einer Bandscheibenproblematik, obwohl ich bereits Yoga unterrichtete. 

In der Folge wandte ich mich dem Tantra zu, zunächst über Literatur. Die hingebungsvolle, alles umarmende Haltung dieser Philosophie berührte mich tief über Jahre. Gleichzeitig zeigte sich, dass nicht jede Praxis immer zu mehr Bewusstheit führt, sondern manchmal auch zu Verwirrung.


Rückblickend erkenne ich, dass mir eine wirklich ganzheitliche Wahrnehmung meiner selbst fehlte – ich hatte mich von ekstatischen Zuständen leiten lassen, ohne ausreichend geerdet zu sein.

 

 

Heilkräfte

Parallel erlebte ich die heilsamen Erfahrungen der Musik. Ich sang Mantras und spirituelle Lieder und leitete später viele Jahre lang zwei Singkreise an, lernte Instrumente zu spielen, zu singen und spiele in Bands bis heute. Musik hat mich tiefer zu mir geführt, alte Selbstbilder schrittweise geheilt und zu mehr innerer Ganzheit geführt.

 

2010 starb mein Mann an Krebs. Er hatte lange geforscht, was mögliche Ursache seiner Erkrankung war und nach Wegen der Heilung gesucht. Trotz aller Bemühungen ließ sich auch mit Heilern und Therapeuten keine Ursache finden. Diese Erfahrung hat mein Verständnis von Ganzheitlichkeit noch einmal verändert. Als 2022 auch bei mir ein kleiner Tumor entdeckt wurde, wurde mir erneut bewusst, wie komplex und rätselhaft das Zusammenspiel von Körper, Geist und Leben ist.

Ganzheitlichkeit

Heute bedeutet Ganzheitlichkeit für mich, möglichst viele Aspekte meines Seins bewusst einzubeziehen: meinen Körper achtsam zu behandeln, mich gesund zu ernähren, mich ausreichend zu bewegen und für guten Schlaf zu sorgen. Es bedeutet einen selbstfürsorglichen Umgang mit meinen Gedanken, Emotionen und Gefühlen. Und achtsam mit meinen Mitmenschen und der Natur umzugehen.

 

Und es bedeutet für mich auch, die Grenzen unserer Erklärungsmodelle anzuerkennen. Nicht jede Krankheit lässt sich eindeutig auf eine Ursache zurückführen, nicht jede Erfahrung ist vollständig erklärbar oder kontrollierbar. In dieser Einsicht liegt eine gewisse Demut und gleichzeitig die Einladung, dem Leben mit Offenheit und Mitgefühl zu begegnen. Ganzheitlichkeit ist somit weniger ein Konzept als eine Haltung, die bereit ist, Komplexität auszuhalten und das Leben anzunehmen.

 

Lydia Poppe 

 

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Bild zur Meldung: Ryan McGuire auf Pixabay