Inseln der Kohärenz
Das Eiland in der Sonne, eine immerwährende Verlockung, eine Verheißung. Das Leben auf einer einsamen Insel, fernab von allen alltäglichen Anforderungen, Aussteigen aus dem Hamsterrad. Das Versprechen, dass wir uns regenerieren, die Batterien aufladen und mit neuen Impressionen und Ideen zurückkehren ins Alltägliche. Dass unser System in die Balance kommt. So wie es Ilya Prigogine, Nobelpreisträger für Chemie, formulierte:
„Wenn ein System weit vom Gleichgewicht entfernt ist, haben kleine Inseln der Kohärenz in einem Meer von Chaos die Fähigkeit, das gesamte System in eine höhere Ordnung zu heben."
Kein Wunder also, wenn uns das besonders zur Reisezeit ruft und einige aufbrechen lässt in Richtung Amrum, Mallorca, Korsika, Sardinien ... Und ja, diese Inseln haben ihre eigene Schönheit und Stimmigkeit (ein anderes Wort für Kohärenz) und können positiv aufs Gemüt wirken.
Das führt uns zu der Frage, inwieweit wir uns nicht auch im Alltag Inseln der Kohärenz schaffen können, diese Qualität finden oder herstellen, ohne hunderte oder tausende von Kilometern weit weg zu fliegen?
Von der Insel zurück in den Alltag
Was diese Kohärenz konkret ausmacht, hat der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky mit seinem Konzept des Kohärenzgefühls beschrieben: Eine Situation wird stimmig, wenn sie verstehbar ist (statt chaotisch), handhabbar (statt überfordernd) und sinnhaft (statt beliebig). Genau das lässt sich im Kleinen herstellen.
Das leuchtende Beispiel einer Aufräumaktion, die ich einmal mit meinem erwachsenen Filius in seiner Berliner Wohnung plante. Ausgangssituation war ein buchstäbliches „Meer von Chaos", 50 Quadratmeter, in denen man sich als ordentlicher Mensch vorkam wie in einer Messie-Höhle. Jeder Zentimeter rief nach beherztem Eingreifen, nach einer Entrümpelung, nach gründlicher Reinigung und Renovierung.
Doch wo fängt man da an, wenn überall Notstand herrscht? Wie schafft man eine neue, funktionierende Struktur in einer Situation, die sich über Jahre eingespielt hat? Wenn man eigentlich gar nicht so genau hinsehen und den Ort am liebsten gleich wieder verlassen möchte?
Die Lösung: eine Insel schaffen. An der Stelle mit dem offensichtlichsten Handlungsbedarf anfangen. In diesem Fall war das die Küche, genauer gesagt das zersplitterte Ceranfeld, das längst hätte ausgetauscht werden sollen. Vom Herd ausgehend dann die Küchenschränke und Regale ausräumen, aussortieren und reinigen. Nach etwa 5 Stunden war es vollbracht, die Küche war vorzeigbar und sie setzte den neuen Standard für die umliegenden Räume, der sich dann auch sukzessive durchsetzte.
Verstehbar, handhabbar, sinnhaft – die Küche wurde zur Insel, von der aus die Wohnung neu geordnet werden konnte.
Das Chaos ordnen
Dieses sukzessive Vorgehen ist auch ein Ansatz im Coaching, z.B. wenn Menschen sich schwertun, ins Handeln zu kommen. Welche kleine „Baustelle" kannst du angehen? Wenn es erstmal nur der tropfende Hahn oder der verkalkte Duschkopf ist. Oder beim Thema Bewegung und Sport, fang klein an, und wenn es nur 5 Minuten sind. Schaffe dir eine kleine Insel, die du sukzessive vergrößerst. Mach etwas, das funktioniert. Und wenn es erstmal das Glas Wasser mit Zitrone am Morgen ist.
Amrum, Mallorca, Korsika bleiben verlockend, und zu Recht – sie schenken Kohärenz auf Zeit. Doch die kleine, selbstgebaute Insel im eigenen Zuhause ist jederzeit verfügbar, kostet kein Flugticket und lässt sich jeden Tag neu anwenden. Man muss nicht wegfliegen, um Ordnung ins Chaos zu bringen. Nur anfangen. An einer Stelle. Heute.
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