Musik – wenn das Bewusstsein leichter wird

Musik ist weit mehr als Klang. Sie kann uns für einen Moment aus dem herauslösen, was uns im Alltag festhält: aus Gedanken, Sorgen, Schmerzen, Anspannung und der ständigen Wahrnehmung unseres Körpers.

 

Vielleicht lässt sich dieser Zustand als eine kleine Form der Exkarnation beschreiben. Nicht als Verlassen des Körpers, sondern als Erfahrung, dass unser Bewusstsein nicht ausschließlich an das gebunden sein muss, was wir körperlich und gedanklich gerade erleben.

 

Wer sich wirklich auf Musik einlässt, kennt diesen Moment: Der Körper tritt in den Hintergrund. Gedanken verlieren ihre Bedeutung. Zeit verändert sich. Man hört nicht mehr nur die Musik – man beginnt, sich in ihr zu bewegen.

Genau darin liegt für mich ihre transformierende Kraft.

 

Rhythmus, Klang und insbesondere die Wiederholung können einen Raum schaffen, in dem das Bewusstsein immer stärker in den Vordergrund tritt. Gleichzeitig beginnt sich das zu öffnen, was sonst unterhalb unserer bewussten Wahrnehmung liegt. Erinnerungen, Emotionen, Spannungen und unbewusste Muster können auftauchen, ohne dass wir sie aktiv suchen oder gedanklich bearbeiten müssen.

 

Das Unterbewusste wird gewissermaßen in das Bewusstsein hineingetragen.
Man könnte es mit einem Druckkessel vergleichen, dessen Ventil langsam geöffnet wird. Was lange festgehalten wurde, bekommt Raum. Energie kann sich bewegen, Spannung kann nach außen abfließen. Musik wird damit nicht nur zum emotionalen Erlebnis, sondern kann auch etwas Reinigendes haben – eine Art Reset.

 

Dieses Prinzip findet sich in unterschiedlichen musikalischen Traditionen. In der indischen Kultur spielen Rhythmus und Klang seit Jahrhunderten eine besondere Rolle. Die Tabla erzeugt beispielsweise durch ihre rhythmischen Wiederholungen eine ganz eigene Dynamik. Auch Klänge, die bestimmten Chakren zugeordnet werden, arbeiten mit Wiederholung und Resonanz. Doch diese Erfahrung ist keineswegs auf bestimmte Musikrichtungen beschränkt.

 

Denn während wir uns auf die Musik konzentrieren, geschieht gleichzeitig etwas mit unserem Körper. Die Aufmerksamkeit löst sich von den kreisenden Gedanken und richtet sich zunehmend auf Klang und Rhythmus. Ein Zustand kann entstehen, der einer tiefen Meditation ähnelt.
 

Der Körper beginnt loszulassen. Atmung und vegetatives Nervensystem verändern sich, parasympathische Prozesse können stärker in den Vordergrund treten. Besonders die ruhige, tiefe Atmung spielt dabei eine wichtige Rolle: Das Zwerchfell – verbunden mit der Wirbelsäule - bewegt sich mit dem Prozess der Ausatmung nach oben, sanft ziehend und aufrichtend an der Wirbelsäule. Der Rumpf erhält Stabilität, während gleichzeitig Spannungen der Muskulatur – durch den Vagusnerv innerviert - nachlassen und somit Beweglichkeit entstehen lässt, spontan und ganz auf die Musik ausgerichtet.

 

Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft der Musik: Der Geist wird stiller, der Körper leichter und die Atmung tiefer. Für einen Moment müssen wir nichts festhalten und nichts lösen. Wir lassen die Musik die Arbeit übernehmen. Wir lassen los und die Energien können in einem vermeintlich blockierten Körper wieder fließen.

 

Wir sollten es tun – jeden Tag mindestens 20 Minuten Musik hören und uns zu ihr bewegen. Für mich die beste Art der Prävention.

 

Gabriele Oppermann 

 

Bild zur Meldung: © Luz Mendoza auf Unsplash