Musik - mitschwingen, mitsingen, heilen
Wir alle kennen die unmittelbare Wirkung von Musik auf die Stimmung und auf das Nervensystem. Es gibt Musik, die heiter und leicht stimmt, wieder andere ruft in uns eine traurige Schwere hervor. Je nach Tonart und Rhythmus lässt Musik eine Saite in uns anklingen, mit der wir emotional gefärbte Erlebnisse und Erinnerungen verbinden. Wenn die Musik also Stimmungen hervorzurufen oder zu verstärken vermag, so kann sie im therapeutischen Sinn zur Unterstützung von Heilungsprozessen dienen. Denn Musik schließt uns selbst über das Schwingen und Mitschwingen der Frequenzen unsere Empfindungen auf. Woher aber rührt diese Macht der Musik, solche emotionalen Wirkungen zu entfalten?
Als ich begann, Gesangsunterricht zu nehmen, überraschte es mich, dass mir selbst die technischen Vor-Übungen schon Freude bereiteten. Ich brauchte nicht einmal schöne Lieder und Arien, um mich wohl zu fühlen. Gefallen fand ich schon am Intonieren der Geläufigkeitsübungen, der verschiedenen Tonleitern, der Intervallsprünge mit Nonsens-Silben. Selbst wenn eine Stunde vorüber ging, ohne in der persönlichen Gestaltung eines Liedes zu gipfeln, fühlte ich mich danach heiter und sonderbar erfüllt.
Woher kam dieser Effekt? Es musste da etwas geben, das mich durch das tiefe Luft Holen, das pure Vibrieren des Brustkorbs oder das Aufspüren von Resonanzräumen im Kopf gleichsam harmonisierte, in Einklang brachte. Nicht der Inhalt des Gesungenen war es, der wirkte, sondern das Mitschwingen selbst – noch bevor ein Lied überhaupt begann.
Der Begriff der Harmonie hat mehrere Bedeutungsebenen: er meint im altgriechischen (ἁρμονία) Ebenmaß, Eintracht und Einklang, zuerst rein physisch, dann auch sozial, also auch in der Kommunikation, im Miteinander. Wie unmittelbar diese soziale Dimension sein kann, zeigt sich etwa beim gemeinsamen Trommeln in der Gruppe: Der geteilte Rhythmus wird hier selbst zur heilenden Erfahrung. In der Musiktheorie und der Harmonik weist er auf einen Zusammenklang von verschiedenen Tonhöhen zur selben Zeit - was wir auch Akkorde nennen.
Auch die Wirkung von Musik auf unsere Stimmung führt zu einer Doppelbedeutung des Wortes. So meint „Stimmung“ in psychologischer Hinsicht eine emotionale Verfasstheit auf der Skala von hell, freudig, glücklich, munter, zufrieden bis hin zu dunkel, gedämpft, traurig, trüb, usf. In der „Stimmung“ steckt jedoch auch die „Stimme“ und das Abstimmen auf eine musikalische Skala, sowohl eines einzigen Instruments (z.B. bei Saiteninstrumenten), als auch eines Orchesters.
Der Musikforscher und Radiojournalist Joachim-Ernst Berendt untersuchte in seinem Buch „Nada Brahma - Die Welt ist Klang“ die musikalische Struktur unserer Welt, bis hin zur subatomaren Ebene. Lange vor dem Soziologen Hartmut Rosa sprach er vom Phänomen der „Resonanz“. Sie sei rein physikalisch als synchrones Schwingen auf einem gemeinsamen Rhythmus „so allgegenwärtig, dass wir sie ebenso wie die Luft, die wir atmen, kaum bemerken.“, obwohl diese Tendenz zur Harmonisierung zu den „Wurzeln unserer Existenz“ führe.
Wenn in den kleinsten unteilbaren Einheiten unserer Existenz eine Tendenz zur Harmonisierung liegt, lässt sich – bildlich gesprochen – Unordnung, Chaos, Wucherung mit Krankheit in Verbindung bringen. So harmonisiert die Musik unser Nerven- und Immunsystem über die unwiderstehliche Einladung zum Mitschwingen, zur Resonanz. Das war es, was mich schon in den Gesangsstunden erfüllte, lange bevor ein fertiges Lied erklang. Das Mitschwingen selbst wird so zum Weg - zur inneren wie äußeren Harmonie, zur Heilungserfahrung.
Literatur:
Berendt, Joachim-Ernst, Nada Brahma - Die Welt ist Klang, Frankfurt/ Main 1987
Rosa, Hartmut, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016
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