Gebende Dankbarkeit – von Ego zu Öko

Unser griechisches Ferienhaus auf Zeit, mit Sauna, Meerwasser-Pool und Blick auf das ägäische Meer ist ein guter Ort zum Schreiben. Wunderbare Buchten, eine üppige Flora mit Pinien, Oliven- und Granatapfelbäumen, durch die Nase ziehen mediterrane, ätherische Düfte, begleitet vom immerwährenden Meeresrauschen im Hintergrund. Abgesehen vom nächtlichen Hundegebell - eine privilegierte Situation. Da fällt es leicht, einige Gedanken zum Thema Dankbarkeit zu entwickeln.  Wenn der Körper die Umgebung wechselt, gerät auch der Geist in Bewegung. Nicht ohne Grund suchen wir immer wieder solche Kraftorte auf, um uns aufzuladen (siehe August ’26 Beitrag „Warum in die Ferne schweifen“).

 

All die äußeren Annehmlichkeiten führen allerdings nicht automatisch zu einem breiten Dauergrinsen und einer tiefen Dankbarkeit. Jedenfalls nicht, wenn man genauer hinschaut und sich mit der ganzen Wirklichkeit der pittoresken maritimen Umgebung beschäftigt, also auch mit den Schattenseiten. So ist das Mittelmeer in akuter Not, heizt sich doppelt so schnell auf wie die weiten Meere, versalzt zunehmend, die Flora (z.B. Seegraswiesen und Korallen) leidet unter der Hitze, die Fauna unter invasiven Arten und einem sinkenden Sauerstoffgehalt. Fischer kämpfen damit, dass ihre traditionellen Fänge zusammenbrechen und invasive Arten wie Feuerfische ihre Bestände verdrängen. Die Liste der regionalen Missstände ließe sich fortsetzen - und die Urlaubsstimmung richtig vermiesen.

 

Wie also soll man Dankbarkeit empfinden und gleichzeitig nicht die Augen vor der Realität verschließen? Ich möchte vor allem nicht Teil des Problems sein. Ich habe meinen Wasserfilter dabei, damit ich den Plastikflaschenmüll wenigstens etwas reduzieren kann. Aber hier kann ich meinen Müll nicht sortieren. Alles wandert in eine Tonne, in einem dysfunktionalen Entsorgungssystems, in dem trotz milliardenschwerer EU-Subventionen rd. 80% der Abfälle auf Deponien abgeladen werden. Frustrierend.

Wenn ich ein Land bereise, will ich soweit wie möglich „sanften Tourismus“ betreiben. Respektvoll mit den Menschen und der Natur umgehen, die kleinteilige lokale Wirtschaft unterstützen. Denn auch wenn nicht alles in letzter Konsequenz gelingt, gilt doch das alte Pfadfindermotto: Hinterlasse einen Ort immer in einem besseren Zustand als du ihn vorgefunden hast. Und getreu der indigenen Praxis, in der wir immer etwas zurückgeben, wenn wir etwas nehmen von einem Ort, von der Natur. Robin Wall Kimmerer, eine Autorin mit indigenen Wurzeln (nordamerikanische Potawatomi Nation) beschreibt diese Praxis als ehrenhafte Ernte.

 

Das Meer schenkt uns Nahrung, Entspannung, wundervolle Ausblicke, das Spiel mit den Wellen und eine Prise Salz auf meiner Haut. Was können wir ihm zurückgeben? Diesmal entscheide ich, hundert Euro für ein Projekt zu spenden, das sich für den Erhalt der mediterranen Seegraswiesen einsetzt.

 

Ich will mir eine Zukunft vorstellen, in der Reisende einen positiven Impact hinterlassen, dazu beitragen, eine Region zum Erblühen zu bringen, anstatt nur zu konsumieren und durch „Overtourism“ zu belasten. Ich will ein „ehrenhafter“ Reisender sein, der solchermaßen gebende Dankbarkeit praktiziert. Vielleicht ist es auch ein egoistischer Altruismus: Wegen des besseren Gefühls im Pool mit Meerblick.

 

Andreas Fiedler 

 

 

Literatur: 
Robin Wall Kimmerer: „Geflochtenes Süßgras. Die Weisheit der Pflanzen“
Aufbau Verlag, Berlin 2021

 

Bild zur Meldung: © Andreas Fiedler