Körperintelligenz heißt in Verbindung kommen

Begriffe wie emotionale Intelligenz, Intuition, Bauchgefühl, Achtsamkeit finden wir im täglichen Sprachgebrauch. Dennoch gibt es lange Wartelisten für Psychotherapie und Plätze in psychosomatischen Kliniken - ein Zeichen dafür, dass die Menschen vermehrt Hilfe in Lebenskrisen benötigen. Besonders in den Körperpsychotherapien, aber auch in psychotherapeutischen Gesprächstherapien wird im besten Fall erlernt, achtsamer auf die Signale des Körper zu hören, sie ernst zu nehmen, um schließlich am Umgang mit sich selbst das zu ändern, was zur Krankheit bzw. zur Krise beigetragen hat. Woher weiß aber der Körper, was wir brauchen oder unterlassen sollten? Was ist Körperintelligenz? 

 

Die Tanztherapie geht als eine Form der Körperpsychotherapie davon aus, dass Körper, Geist und Seele nicht getrennt voneinander sind, sondern eine Einheit bilden. Man kann diese Einheit auch als verschiedene Fähigkeiten und Erscheinungsweisen betrachten, über die man verfügt. Der Wissenschaftsjournalist Bas Kast bezeichnet sie daher als „Vielheit“, die Verstand, Vernunft, Gefühl, Unbewusstes, Intuition, etc. in sich trägt. Obwohl, wie Kast erkennt, unser Geist durch Erziehung und Bildung auf rationale Leistungsfähigkeit ausgerichtet ist, und männlich dominierte Geistesforschung seit der Zeit der antiken Philosophen den Menschen, v.a. den Mann, als animal rationale sehen, gesellt sich heute in der Nachfolge der Phänomenologie des 20. Jahrhunderts - durch entsprechende Hirn-, Kognitions- und Verhaltensforschung - ein anderes Wissen dazu. Dass nämlich unser Verhalten, selbst wenn wir fest davon überzeugt sind, aus rationalen Gründen gehandelt zu haben, oft von unbewussten Faktoren, vorbewussten Intuitionen, oder nonverbalen inneren Bildern beeinflusst wird. 

 

Die Überlegenheit von hellem Verstand, purem Intellekt und Sprache gegenüber dem Körper als dunkler, stummer Materie, insbesondere dem Körper der Frau als terra incognita, die jahrhundertelang von männlichen Denkern und Wissenschaftlern fraglos vorausgesetzt wurde, bröckelt in dem Maße, in dem wir erkennen, dass es Kräfte in uns allen gibt, gleich welchen Geschlechts, die der Ratio nicht unterliegen und uns dennoch machtvoll beeinflussen, Verhalten steuern, Leben retten, Heilung unterstützen können. 

 

Entmutigte, niedergeschlagene, von Ängsten gehemmte oder in ihrer Beziehungsfähigkeit beeinträchtige Menschen können einen Zugang finden zu ihren eigenen körperlichen Empfindungen und Intuitionen, denen sie vertrauen können. Diese Erfahrung habe ich in der Praxis als Tanz- und Körperpsychotherapeutin machen dürfen. Vieles geschieht im Bewegen und im aufmerksamen Spüren. Durch das Nachbesprechen der neuen Erfahrungen werden zuvor unbewusste Schätze ins Bewusstsein gehoben. In dem Maße, in dem das gelingt, wird das Übergewicht des oftmals quälerischen oder hemmenden Verstands voller Selbst-Abwertungen und negativen Beurteilungen von dem Gewicht facettenreicher Gefühle und klarer Instinkte ausbalanciert. Ein inneres Bild, das sich dabei als hilfreich erweist, ist das einer Verbindung von Kopf, Herz und Bauch. Lassen wir diese drei Zentren in uns miteinander kommunizieren, tariert sich das Nervensystem aus. Dann stellt sich ein intuitives Wissen ein, das Hand und Fuß hat und getragen ist von innerer Stimmigkeit. So kann man wieder Vertrauen zu sich selbst fassen, zum Körper - als Quelle wertvoller, lebenswichtiger Informationen.

 

Katja F.M. Wolf

 

 

 

 

 

Bild zur Meldung: © Markus Kammermann auf unsplash