Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust…
Dieser Satz aus Goethes Faust drückt einen inneren Widerspruch aus, den wir oft erleben: Mal wollen wir etwas wagen – und gleichzeitig auf Nummer sicher gehen. Wir sehnen uns nach Freiheit – und suchen doch nach Geborgenheit. Wir streben nach Veränderung – und hängen doch am Gewohnten.
Woran erkennt man innere Widersprüche?
Innere Widersprüche zeigen sich oft in Entscheidungssituationen: Wenn wir Pro- und Contra-Argumente wälzen, ewig grübeln oder uns blockiert fühlen. Oder wenn wir in bestimmten Lebensbereichen immer wieder dieselben Schleifen drehen – Beziehungsmuster, berufliche Unzufriedenheit, “schlechte” Gewohnheiten. Typisch sind auch Sätze wie „Ich weiß eigentlich schon, was ich will – aber ich komme einfach nicht ins Umsetzen.“ Oder wie Ödön von Horvath es ausdrückt:
“Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.”
Hinter solchen Spannungen stecken meist innere Persönlichkeitsanteile mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Erfahrungen oder Ängsten. Manche stammen aus der Kindheit, andere haben sich im Laufe des Lebens entwickelt. Sie alle wollen gehört werden. Das ist der erste Schritt zu einem lösungsorientierten Umgang mit inneren Widersprüchen.
Wie umgehen mit Widersprüchen?
1. Wahrnehmen statt unterdrücken
Anstatt den inneren Konflikt zu übergehen, hilft es, ihn bewusst wahrzunehmen. Was genau sind die beiden widerstreitenden Seiten in mir? Welche Gefühle, Bilder oder Stimmen sind damit verbunden? Oft sind es bekannte Stimmen, wie z.B. der Innere Kritiker oder Regelmacher, die Wert auf die Einhaltung von Konventionen legen. Auf der anderen Seite vielleicht ein wilder, lebendiger, kreativer Anteil, der einfach Lust hat, neue Dinge auszuprobieren.
2. Beide Seiten ernst nehmen
Auch wenn eine Seite „vernünftiger“ scheint: Jede Stimme in uns hat ihren Grund. Vielleicht will die eine Seite uns schützen, während die andere unsere Lebendigkeit fördert. Beides hat seine Berechtigung.
3. Einen inneren Dialog führen
Wie wäre es, wenn die beiden Anteile miteinander verhandeln könnten? Hier kann eine Methode wie Aufstellungsarbeit oder Voice Dialogue hilfreich sein, in der die Anteile miteinander in den direkten Austausch gehen. Oft stellt sich heraus, dass es Missverständnisse in Form von Vorurteilen dem jeweils anderen gegenüber gibt. Wenn beide Anteile Raum bekommen, sich ganz zu zeigen, in ihren guten Absichten, kann sich der Konflikt leichter lösen. Wie bei zwei streitenden Parteien im “richtigen Leben”.
4. Entscheidungen aus der Mitte treffen
Wenn wir nicht „entweder – oder“, sondern „sowohl – als auch“ denken, finden wir oft überraschende Wege. Eine Entscheidung, die beide Seiten berücksichtigt, fühlt sich meist stimmiger an – und ist nachhaltiger.
Innere Widersprüche sind also kein “psychologisches Problem”, sondern zeugen von unserer Vielschichtigkeit und Lebendigkeit. Sie zeigen, dass wir mit mehr als einer Stimme sprechen. Es geht nicht darum, den Widerspruch komplett aufzulösen – sondern ihn kreativ zu nutzen, um uns selbst und unsere inneren Instanzen besser kennenzulernen und zu integrieren.
Wie im Außen so im Innern - und umgekehrt (das Persönliche ist auch politisch): Nicht durch Unterdrückung, sondern durch liebevolle Annahme entsteht ein harmonisches Zusammenspiel aller Facetten unserer Persönlichkeit. Erst das lässt uns zu einer integrierten, kraftvollen Einheit werden.
Andreas Fiedler, leitender Redakteur und Autor der Potsdamer Impulse
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