Unter meinen Sorgen - Leben mit Mut und Nähe
Mein Mann hat seine Zuversicht verloren, wieder gesund zu werden. Es tat uns gut, dass das Tabu gebrochen ist und wir offen über Ängste reden können. Wir sind beide kraftlos, möchten gern eine Woche ans Meer fahren. Ich bin ganz der Aufgabe ergeben, ihn zu begleiten.
Gestern bekam er die fünfte Chemo. Ich holte ihn ab, versuche ihn zu unterstützen, doch er hat Schmerzen und ist unzugänglich. Meine Fürsorglichkeit scheint gerade nicht anzukommen, Ablenkung aber auch nicht. Ich kann mit ihm sein, ohne dass es mir selbst auch schlecht geht, das ist neu. Er ist in einer schwierigen Phase mit wenig Handlungsimpulsen und bittet um Unterstützung.
Morgen früh fliegen wir nach Mallorca. Fliegen wir wirklich? Es bleibt fraglich, denn er hat keine Chemo mehr gemacht, sorgt sich, ob er die zwei Wochen gut übersteht. Heute habe ich einen Moment geweint mit Freunden. Ich brauche diese Zeit, um mich wieder auszurichten, Kraft zu schöpfen und in Liebe mit ihm zu sein. Und ich stelle mir vor, dass wir es schön haben werden…
Wir waren nicht auf Mallorca. Dieser stornierte Urlaub hat mich in ein dunkles Tal gebracht. Mein Mann holte die Chemo nach und war danach schwach und antriebslos. Ich bin müde und suche Ruhe. Bei Freunden musste ich weinen. Der Geliebte zieht sich zurück; Schweigen hat sich eingeschlichen. Ich suche Rückzugsorte. Jetzt sitze ich bei einer Freundin in meiner alten Heimat und genieße behagliche Muße. Gestern sangen wir, kuschelten, aßen und hatten gute Gespräche.
Ich habe genügend Lehrer und Inspiratorinnen in meinem Umfeld, die mir wichtige Hinweise geben. Und die Situation soll meine Meisterin sein. Einfach spüren. Da sein. Ohne Urteil. Ohne Konzept. Offen.
In der Frauengruppe haben alle ihre Hände auf mich gelegt. Nach einer Zeit des Wohlfühlens kam Schmerz hoch. Ich weinte und weinte, fühlte mich getragen. Dann wurde ich ganz still, entspannt und heiter. Ein tief beglückendes Erlebnis.
Wir sind doch noch auf Mallorca. Die Krankheit ist ungeheuerlich. Aber wir sind jetzt umgeben von Wärme, Strand und mediterraner Schönheit. Ich sitze am Meer und bin froh, dass wir noch einmal diese mutige Reise gemacht haben. Ich möchte ihm eine präsente, starke Frau sein. Atmen, Sein. Ohne Anstrengung.
Langsam finden wir in die Gelassenheit zurück. Heute haben wir lange am Meer gesessen. Ich lese ihm aus „Mut und Gnade“ vor. Es gibt eigentlich keinen Grund, nicht das Leben zu genießen, die schöne Küstenlandschaft hier zu erwandern oder stundenlang zu schmusen. Schön ist, dass wir uns wieder so nah sind. Die Aussprache war so herzöffnend, dass alle Lebensgeister zurückgekehrt sind.
Jetzt rauscht der Wind in den Bäumen, es ist Sommer. Ich spüre Freude. Unter meinen Sorgen gibt es Kraft und Stärke. Sie wird genährt durch die tägliche Gartenarbeit und fließt in meine Gedanken. Es ist immer noch erstaunlich viel Leichtigkeit möglich. Auch meinem Mann geht es viel besser als vor dem Urlaub. Ich habe unbeschreiblich zärtliche Gefühle für ihn. Trotz Schmerzen ist er niemals schlecht gelaunt, ich bin immer wieder tief beeindruckt und entspanne mich auch selbst trotz der sich zuspitzenden Situation. Er spricht jetzt öfters mit seinen Freunden übers Sterben.
Längere Version:
Sein in Brandenburg, Leben mit Mut und Nähe
Literaturtipp:
Ken Wilber, Mut und Gnade, Die Geschichte einer großen Liebe - das Leben und Sterben der Treya Wilber, Fischer Verlag, 2009
Bild zur Meldung: © Lydia Poppe





















