Wie ein China-Urlaub mein Qigong vertiefte
Seit fünfundzwanzig Jahren unterrichte ich Qigong. Vieles habe ich gelernt und erfahren, doch die Frage blieb: Wie fühlt sich Qigong dort an, wo es entstanden ist? Im Mai 2026 reiste ich mit einer kleinen Gruppe von fünfzehn TaiChi- und Qigong-Begeisterten nach China. Wir wollten nicht nur Sehenswürdigkeiten sehen, sondern die Wurzeln einer Übungskunst kennenlernen, die viele von uns seit Jahren begleitet. Ich erhoffte Antworten – und fand mehr als erwartet.
Unsere Reise begann mit typischen touristischen Stationen. In Tianshui änderte sich der Charakter unserer Reise und aus Touristen wurden Schüler. Zehn Tage lang lernten wir bei Shen Rui und Shen Xijing TaiChi und Qigong – und ich ahnte, dass ich viel mit nach Hause nehmen würde.
Kultivierung: Körper, Geist und Qi
Obwohl ich TaiChi seit Jahren praktiziere, entschied ich mich für den Qigong-Kurs. Im intensiven Unterricht vertieften wir Wissen und sammelten Erfahrungen durch Meditationen, die sich schwer in Worte fassen lassen. Bald zeigte sich, wie eng Körper, Geist und Qi verbunden sind. Je mehr wir versuchten, alles „richtig“ zu machen, desto öfter sagte Sifu Shen nur: „Relax.“ Die Botschaft war klar: Innere Ruhe entsteht durch immer tieferes Loslassen.
Für mich war dies der Hinweis, dass man sich jahrzehntelang mit Qigong beschäftigen kann und doch am Anfang steht. Hinter jedem Erkenntnisraum öffnet sich die nächste Tür. Der Begriff Kultivierung, verstanden als Pflege der Lebensenergie und Arbeit an sich selbst, gewann für mich neue Bedeutung.
Es geht um regelmäßige Übung und Offenheit, nicht um Perfektion. Auch alltägliche Geduld, Freundlichkeit, Gelassenheit entwickeln sich nur schrittweise.
TaiChi – Verbindung im Hier und Jetzt ohne Worte
Während des ersten Morgens schloss ich mich einer Gruppe an, die die Acht Brokate übte. Von diesem Tag an begann jeder Morgen für mich in diesem Park. Das gemeinsame Üben war eine Sprache, für die keine Worte nötig waren. Ein Lächeln, eine Geste oder ein Nicken reichten aus. Qigong und TaiChi verbinden Menschen über Ländergrenzen hinweg.
Weder perfekte Bewegungen noch rein geistige Übungen standen im Vordergrund. Entscheidend war Aufmerksamkeit ganz im Jetzt. Auch die rauen, unebenen Tempelstufen wurden Sinnbilder des Lebens: Mal geht es voran, mal stolpert man. Achtsamkeit hilft im Aufstieg und im Alltag.
Was nehme ich mit? Neben den herzlichen Menschen vor allem die Erkenntnis, dass Qigong mit einer inneren Haltung beginnt: Dass Regelmäßigkeit wertvoller ist als Ehrgeiz. Dass gemeinsames Üben verbindet, selbst ohne gemeinsame Sprache. Seit der Rückkehr unterrichte ich dieselben Übungen, doch ich erkläre weniger und lasse Teilnehmer mehr selbst erfahren, was Qigong in der Tiefe ausmacht.
Und: Ich reiste nach China, um Qigong besser zu verstehen. Zurückgekehrt bin ich mit einem tieferen Verständnis für das Leben.
Bild zur Meldung: © Conny Wriedt





















