Die stille Überforderung pflegender Angehöriger
Es gibt Lebensphasen, die uns verändern, ohne dass wir es beabsichtigten. Die Begleitung pflegebedürftiger Angehöriger gehört für viele dazu. Und oft ist sie mit einer unvorhersehbaren Dynamik versehen, die ihresgleichen sucht.
Im letzten Jahr verstarb mein Vater. Und während wir versuchten zu verstehen, was geschieht, mussten gleichzeitig mehrere Entscheidungen getroffen, Gespräche geführt und neue Strukturen organisiert werden. Wir funktionieren, obwohl wir innerlich längst erschöpft sind.
Nach dem Tod meines Vaters stürzte meine 86-jährige Mutter und erlitt dabei zwei Oberschenkelhalsbrüche. Wieder stand plötzlich alles im Zeichen von Instabilität, Unberechenbarkeit und Dynamik. Gleichzeitig stand unser – von langer Hand geplanter Umzug bevor, gepaart mit Renovierungsarbeiten. Weitere persönliche Verluste mussten verkraftet und verarbeitet werden mit dem Ergebnis, dass die einzelnen Belastungen zu einem dauerhaften Ausnahmezustand ineinander verschmolzen.
Weihnachten und Silvester musste meine Mutter im Krankenhaus und in der Reha verbringen. Aus Mangel an Alternativen folgte eine Kurzzeitpflege über Ostern. Bei dem Gedanken, dass sie diese Zeit allein verbringen musste, zog sich in mir alles zusammen. Aber: es gibt Situationen, an denen man nichts ändern kann. Es ist unmöglich – so meine Erkenntnis – an allen Schrauben gleichzeitig zu drehen, auch wenn man es sich so sehr wünscht.
Der Dynamik, in der Angehörige beginnen, alles zu übernehmen - aus Sorge, Zeitdruck oder Schuldgefühlen - konnten wir nicht folgen. Es ging einfach nicht! Aus heutiger Sicht ein Segen für alle Beteiligten.
Mittlerweile bin ich überzeugt, dass Menschen zu begleiten, auch heißt, sie zu bestärken, Dinge weiterhin selbst zu tun. Nicht aus Härte, sondern aus Würde. Jeder selbst gegangene Schritt gibt ein Stück Selbstvertrauen zurück. Uns blieb keine andere Wahl, als die Dinge anzunehmen, wie sie waren.
Hilfs- und Entlastungsangebote waren in den einzelnen Phasen wichtig. Ehrenamtliche, kirchliche Angebote, Pflegeeinrichtungen und andere soziale Organisationen haben uns unterstützt, unseren Weg zu finden. In der Summe haben sie uns etwas sehr Wertvolles zurückgeben: Zeit! Zeit, wieder Tochter, Enkelin, Schwiegersohn sein zu dürfen — und nicht ausschließlich Organisator und Krisenmanagerin.
Viele Menschen stehen vor denselben Herausforderung: zwischen Fürsorge, eigener Erschöpfung und dem Wunsch, niemanden im Stich zu lassen. Umso wichtiger ist es, offen über Unterstützung und Überforderung zu sprechen, bevor das Funktionieren zur Falle wird.
Besonders berührt es mich heute zu sehen, wie meine Mutter Schritt für Schritt wieder in ihre Selbstständigkeit zurückfindet. Dass sie wieder Treppen steigen kann, mit dem Rollator spazieren geht und vieles im Alltag wieder selbst bewältigt.
Es geht am Ende eben nicht nur darum, Medikamente einzunehmen oder versorgt und gepflegt zu werden. Natürlich sind medizinische Versorgung, Pflege und Hygiene wichtig und Ausdruck von Lebensqualität. Aber die Lebenskraft entsteht aus Motivation, menschlicher Zuwendung und dem Gefühl, weiterhin gebraucht und ernst genommen zu werden.
Und vielleicht ist genau das ein wichtiger Gegenpol zu all der stillen Überforderung: zu erleben, dass Entwicklung, Lebenswille und neue Kraft auch im Alter noch möglich sind.
Das hat mich diese Zeit gelehrt: Begleitung bedeutet nicht, einem Menschen alles abzunehmen. Gerade ältere Menschen brauchen Zugehörigkeit, sinnstiftende Aufgaben und möglichst viel Eigenständigkeit.
Bild zur Meldung: © CDC auf Unsplash





















