Sterben und Akzeptanz
Vor fünf Jahren, im Alter von 80 Jahren, konnte meine Mutter nicht mehr problemlos gehen, kaum noch Treppen steigen. Sie konnte nicht ohne Schmerzen schlafen. Der Verlust ihrer Mobilität und Selbstbestimmung war sowohl körperlich als auch seelisch schmerzhaft. Es blieben ihr folgende Optionen. Erstens: nichts unternehmen und weiter aushalten. Zweitens: sich auf eine Warteliste für eine kostenlose Hüftoperation in etwa 18 Monaten setzen lassen. Oder drittens: die Operation zeitnah auf eigene Kosten durchführen lassen. Sie entschied sich für die kostenlose Operation in 18 Monaten. Ihr Zustand verschlechterte sich. Schließlich, nach einem Jahr, war es so schlimm, dass sie sich bereit erklärte, die Kosten selbst zu tragen.
Die Veränderung in Bezug auf ihre Schmerzen und ihre Mobilität war sofort spürbar. Nun sollte sie ihre Rehabilitation absolvieren und für zusätzliche Therapien aufkommen. Doch sie lehnte beides ab. Aus Sorge und Fürsorge beharrten wir darauf, was zunehmend Konflikte erzeugte, und so hörte ich irgendwann auf, meinen Rat anzubieten. Für mich als Feldenkrais-Praktiker war das besonders schwer zu akzeptieren.
Vor zwei Jahren wurde dann bei meiner Mutter eine unheilbare Krankheit diagnostiziert. Sie musste wichtige Entscheidungen treffen, um ihr eigenes Lebensende zu gestalten. Dazu gehörte der Umzug in eine kleine Wohnung in der Nähe ihrer Kinder. Sie konnte ihr großes Haus und ihren Besitz loslassen. Ein selbstbestimmter Schritt in ihren letzten Lebensabschnitt.
Als sie dann die Wohnung nicht mehr verlassen konnte, erledigten wir ihre Einkäufe und kümmerten uns um ihre Angelegenheiten. Doch ihre Entscheidung, dort zu bleiben, und keine Pflegeeinrichtung zu nutzen, ließ die Belastung für uns enorm wachsen. Wir, die Familie, standen kurz vor dem Zusammenbruch.
Wie kann man weiterhin Liebe und Zuwendung geben, wenn so ein hoher Preis zu zahlen ist? Ich fühlte Frustration, Wut, einen Verlust an Selbstwertgefühl. Das Risiko einer psychischen und physischen Überforderung steigt. Dabei fällt es nicht leicht, diese Gefühle zuzugeben, besonders wenn ein Mensch im Sterben liegt. Ich glaube nicht, dass es hier einfache Antworten gibt.
Aber ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass das Akzeptieren der Entscheidungen des anderen, selbst wenn sie dem Wohlbefinden dieser Person oder meinem eigenen schaden, ein Akt der Liebe ist.
Was ich jetzt, im Rückblick, festhalte, ist die längerfristige Perspektive. Sie hat ein Zuhause und eine Familie aufgebaut. Sie hat fünf Kinder großgezogen und sie alle erfolgreich ins Erwachsenenalter begleitet. Sie hatte eine Karriere. Sie meisterte schon in jungen Jahren große Herausforderungen. Ihr Leben war ein Erfolg. Meine Mutter war großartig.
Ein Mensch wird nicht nur dadurch definiert, wie er sein letztes Kapitel meistert. Die Schwierigkeiten waren real, aber sie waren nicht die ganze Geschichte.
Es liegt an uns, an denen die zurückbleiben, die Erinnerung zu gestalten, die wir weitertragen wollen. Ich habe gelernt, die schwereren Momente neben den guten bestehen zu lassen, ohne dass sie diese verdrängen. Meine Mutter war viel mehr als ihre Krankheit. Das werde ich in ehrender Erinnerung behalten.
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