Singend am Feuer – ein Música do Círculo-Retreat
Siebzig Menschen zwischen neun und 78 Jahren sitzen schweigend im Kreis und lauschen andächtig einem knisternden Feuer. In dieser kühlen Sommernacht ist unweit der deutschen Nordseeküste eine musikalische Gemeinschaft von Menschen aus zwölf Ländern zusammengekommen. Aus der Stille erhebt sich eine kraftvolle Stimme und singt die getragene Melodie eines afrikanischen Liedes. Einige kennen es und singen mit, andere summen mit oder hören aufmerksam zu.
Erneut breitet sich Stille aus. Da höre ich von der gegenüberliegenden Seite die leise Stimme einer Frau:
Der Mond ist aufgegangen
die goldenen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.Der Wald steht schwarz und schweiget
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.
Mit jeder Zeile stimmen mehr und mehr Menschen das besinnliche Abendlied an und wir singen aus dem kollektiven Gedächtnis vier Strophen des weisen Textes von Matthias Claudius. Bis in die tiefe Nacht erklingen Lieder aus aller Welt, ohne ein Wort zu sprechen, fließen wir durch verschiedenste Traditionen und Stimmungen. Egal ob albern kichernd bei italienischen Schlagern, vielstimmig ergriffen bei der Friedenshymne „Imagine“ oder bei einem einstimmigen Wiegenlied aus Hongkong.
Diese Nacht ist der ergreifende Höhepunkt des sechstägigen Música do Círculo-Retreats, das im August 2026 zum ersten Mal in Europa stattfindet. Angeleitet wird es von den drei Begrün-
dern dieser brasilianischen Methode, die Musik und Gemeinschaftserfahrung auf ganzheitliche Art verbindet. Für mich persönlich ist sie in den vergangenen Jahren zu einer humanistischen Praxis geworden, zu einem Weg, auf dem ich mich künstlerisch und menschlich weiterentwickle.
Im Mittelpunkt der gemeinsamen Aktivitäten steht das musikalische Erleben im Hier und Jetzt. Die Improvisation bietet einen inklusiven Zugang zum Musizieren, unabhängig jeglicher Sprach- oder Notenkentnisse. Als Instrumente nutzen wir singend, klatschend, pfeifend, stampfend und zischend unseren Körper. Jenseits von Perfektionismus und Performance treffen sich im gemeinsamen Tönen die professionelle Perkussionistin mit dem Softwareentwickler, schwingen der Tischler und die Musikstudentin im gleichen Puls. Wer zum ersten Mal dabei ist, findet unabhängig von seiner musikalischen Vorerfahrung seinen Platz und mit seiner einzigartigen Stimme Gehör im Kreis.
Entscheidend für das Gelingen dieser kollektiven Erfahrung ist die reife und kompetente Anleitung durch Pedro Consorte, Ronaldo Crsipim und Zuza Gonçalves. Mit Geduld, Humor und großer Musikalität wurden wir nonverbal durch einen sanften Flow von Circlesongs, kooperativen Bewegungsspielen, Bodypercussiongrooves und improvisierten Kreistänzen geleitet.
Mit großer Dankbarkeit und Freude blicke ich auf eine heilsame Erfahrung zurück und freue mich, diese intensive Praxis weiterzugeben, zum Beispiel bei den wöchentlichen Sessions des Circlesongs: Community Chor Potsdam.
Bild zur Meldung: Gemini





















