Mit kindlicher Körperintelligenz zur Gesundheit
Ein Neugeborenes kann sich nicht umdrehen und keinen Löffel halten. Doch innerhalb weniger Monate sitzt es, krabbelt, steht und greift gezielt nach Dingen. Keine dieser Fähigkeiten war von Anfang an da. Sie entstehen durch Ausprobieren: Das Bein streckt sich, das Gewicht verlagert sich und kommt zurück, die Hand trifft ihr Ziel und versucht es freudig noch einmal. Jede Handlung gibt dem Gehirn sensorisches Feedback, das den nächsten Versuch lenkt.
Die Entwicklungspsychologin Esther Thelen hat gezeigt, dass Laufen kein Schalter ist, der zu einem festgelegten Zeitpunkt umgelegt wird. Es entsteht aus dem Zusammenspiel von Körper, Umwelt und Aufgabe: aus Neugier, Motivation, Herausforderungen, Versuchen und Misserfolgen. Man nennt das Emergenz. Eine Fähigkeit ist weder von Anfang an angelegt noch wird sie von außen eingebaut, sie ergibt sich aus einer Schleife aus Handeln, Wahrnehmen und Anpassen. Die Intelligenz des Körpers liegt in dieser Schleife, nicht in einem Bauplan.
Meine These
Als Erwachsene verlernen wir diese Schleife, nicht weil sie verschwindet, sondern weil wir sie nicht mehr benutzen. Bei Beschwerden geben wir die Verantwortung ab. Wir schildern Symptome, erhalten eine Diagnose und warten auf Genesung. Diese Passivität ist kein Naturzustand, eher ein Lernverlust.
Allerdings hat das Baby es ziemlich leicht. Sein Feedback kommt sofort und ist eindeutig: Es steht oder es fällt. Anders bei Bluthochdruck, Entzündungswerten oder chronischen Beschwerden, da meldet sich der Körper oft spät, leise oder gar nicht. Hier braucht die Selbstwahrnehmung eine Verlängerung. Messwerte, Diagnostik und ärztliche Erfahrung sind Sinnesorgane, die wir selbst nicht haben. Die medizinische Diagnose ersetzt das Feedback nicht, sie macht es nur hörbarer, nachdem wir selbst den Körper nicht gehört haben.
Ein Beispiel: Rückenschmerzen. Die passive Version heißt Schmerz melden, Mittel erhalten, abwarten. Die aktive beginnt mit derselben Abklärung, denn ernste Ursachen müssen ausgeschlossen werden. Dann aber probiere ich selbst: Wie sitze ich? Welche Bewegung tut gut, welche nicht? Was ändert sich nach einer besseren Nacht? Das ist dieselbe Schleife wie beim Baby: handeln, wahrnehmen, anpassen, erneut handeln. Gesundheit hat selten eine einzige Ursache. Viele kleine Faktoren wirken zusammen, zum Schlechten wie zum Guten, und so summieren sich auch kleine Anpassungen.
Das Baby, das aufsteht, fällt und es wieder versucht, ist deshalb keine Metapher für verlorene Unschuld. Es zeigt, wie wir gelernt haben, unseren Körper zu nutzen: nie als passive Empfänger, sondern als Beteiligte. Wer professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, muss das nicht ablegen. Er sollte es mitnehmen.
Bild zur Meldung: © Fernando De Lima from Pixabay



















